Home
Leben
Werk
Sekundärliteratur
Publikations Datenbank
Dokumente
Links

Überbleibsel
Meienberg über...
Erinnerungen
Veranstaltungen

Suche
Kontakt
Impressum

Kampfjets - Militär - Farner PR

Die Armeebeiräte sind mit der Kampfjet-Lobby verbandelt erfahren wir diese Tage.

 

Meienberg war an der Beerdigung von Oberst. i Gst, Dr.  Rudolf Farner, Gründer der Farner PR dabei und schrieb darauf den Kondolenzartikel: "Denn alles Fleisch vergeht wie Gras". Bald 30 Jahre später müssen wir feststellen, dass von der Macht der Farner PR Agentur noch nichts vergangen ist..

 

"Meienberg ist überzeugt, dass sich in der Realität Dinge abspielen, die exemplarisch sind für gewisse Abläufe. Solche exemplarische Ereignisse bezeichnet er als "Schnittpunkte, wo die Fäden zusammenlaufen, wo sich sehr viel gesellschaftliche Macht trifft". Er nennt als Beispiel Farner, der damals einflussreichste Unternehmer in der Werbebranche, dessen Beerdigung als "d a s gesellschaftliche Ereignis" stattgefunden habe. Die Art, wie dieser "grösste Haifisch im Aquarium der schweizerischen Werbemonstren" vor versammelter Zürcher Prominenz vom Kanzelredner zu einem guten Christen gemacht worden sei, übertreffe jede Fiktion. Die Begebenheit sei so unglaublich gewesen, dass man so etwas unmöglich erfinden könnte. Würde man es tun, würden die Leute einem vorwerfen, das "Metier" des Fiktionalisten nicht zu beherrschen. Das Funktionieren der Macht könne nur "an ganz präzisen Beispielen" gezeigt werden, wo möglichst detailliert geschildert werde. Der Ablauf der Macht müsse sinnlich fassbar gemacht und die Namen genannt werden."

 

Zitiert aus: http://www.meienberg.ch/fileadmin/Meienberg/_dokumente/_studienmaterial/Liz-Arbeit_Lussi.pdf Seite 35 im Zusammenhang mit der Realismusdebatte.

 

"Denn alles Fleisch vergeht wie Gras" ist im "Der Wissenschaftliche Spazierstock" erschienen.

 


Niklaus Meienberg: Reporter oder investigativer Journalist?

Gute Reporter arbeiten investigativ und die gute Enthüllungsgeschichte braucht eine wohldurchdachte Dramaturgie, findet Hans Leyendecker in der aktuellen Diskussion auf http://www.reporter-forum.de/ . Als Beispiel dient "Die Erschiessung des Landesverräters Ernst. S" von Niklaus Meienbergs.

Ganzer Artikel hier.

 


Zugänge zu Niklaus Meienbergs Geschichtsschreibung

Neu findet sich in der Ruprik 'Studienmaterial' eine umfangreiche und höchst lesenswerte Lizentiatsarbeit unter dem Titel 'Den Abszess zum Platzen bringen' - Zugänge zu Niklaus Meienbergs Geschichtsschreibung.

Schlusswort der Lizentiatsarbeit von Philipp Metzler.


Niklaus Meienbergs erste und wichtigste historische Arbeit, Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S., war ein Paukenschlag, der eine völlig neue Sprache in die deutschsprachige Schweizer Literatur brachte und die schweizerische Historiografie der 70er Jahre – aus heutiger Perspektive – revolutionierte. Mit der Landesverräter-Problematik hatte Meienberg den zentralen historischen Gegenstand seines Werkes gefunden, und mit ihm seine Sprache, seine Methoden sowie den operativen Ansatzpunkt für sein grosses intellektuelles Projekt: Hier musste er ansetzen, wenn er die festgefahrenen Deutungsmuster über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufbrechen – „den Abszess zum Platzen bringen“ – wollte. Doch die Schweiz, die er antraf, war alles andere als bereit, über ihre Geschichtsbilder und ihre kollektive Identität zu diskutieren. In der Mitte der 70er Jahre dominierte vielmehr das repressive Klima eines sich wieder verschärfenden Kalten Krieges, in welchem die Grenzen des öffentlich Sagbaren äusserst eng waren und einem Einzelgänger, der sich nur auf sein eigenes Gewissen berief und im Namen universeller Werte wie Gerechtigkeit und Gleichheit auftrat, wenig Erfolgschancen beschieden waren. Zwölf Jahre später hat Meienberg die Landesverräter-Problematik als Kern und Kristallisationspunkt seiner Geschichtsschreibung nochmals aufgegriffen. Die Welt als Wille und Wahn lässt sich als Fortsetzung von Ernst S. verstehen, in der die Perspektive von ‚unten‘ um die Perspektive von ‚oben‘ auf die schweizerische Klassengesellschaft in der ersten Jahrhunderthälfte ergänzt wurde. Dennoch ist Wille und Wahn mehr als nur eine Ergänzung von Ernst S., da Meienberg in seiner dritten und letzten historischen Arbeit zahlreiche neue narrative Techniken – z.B. die Abduktion – entwickelt oder weiterentwickel hat und als Erzähler und Prosaist auf dem Höhepunkt angelangt war. Zwischen diesen furiosen historiografischen Essays liegt das Werk Es ist kalt in Brandenburg, das sich in wichtigen Aspekten von den anderen beiden unterscheidet und doch vielleicht seine transgressive Arbeitsweise und Meienbergs innovative, anarchistische Methodik am besten verkörpert. Mit dem Aufgreifen des Landesverräter-Stoffes ist Meienberg in den 70er Jahren in eine tabuisierte Zone der helvetischen Geschichtsschreibung vorgestossen und hat damit ein völlig neues Themenfeld erschlossen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dasselbe lässt sich für seine Recherchen über den Wille-Clan sagen: Auch hier ist es ihm gelungen, eine problematische Zone der schweizerischen Zeitgeschichte auszuleuchten und eine breite Diskussion über die „Gespenster“ – als verdrängte Aspekte der jüngsten Vergangenheit – in Gang zu setzen, die längst überfällig war, von der akademischen Geschichtsschreibung aber nicht geleistet wurde. Gleichzeitig hat Meienberg eine Kontroverse eröffnet über die Produktionsbedingungen und die Kontrollstrukturen von historischen Quellen in der Schweiz, die bis heute nicht erloschen ist. Dies alles sind entscheidende – aber bisher wenig beachtete – Impulse, die Meienberg der helvetischen Geschichtsschreibung der Nachkriegszeit gegeben hat und ihn zu einem ihrer wichtigsten Vertreter macht.

Doch Meienbergs Leistung als Historiker besteht nicht allein in seinem einzigartigen Zugriff auf sensible Fragen der Zeitgeschichte und dem Mut, sie ohne Rücksicht auf persönliche und professionelle Konsequenzen publik zu machen; von ebenso grosser Bedeutung ist die erstaunliche methodische Kreativität und Innovativität im Bereich der Sozialgeschichte. Meienberg hat mit seiner Form der „Typengestaltung“ eine Synthese von struktur- und akteurorientierter Perspektive entwickelt, als das mikrohistorische Paradigma – welches genau diese Synthese bezweckte – in der europäischen Historiografie erst im Entstehen begriffen war. Er erkannte die heuristische und wissenschaftspolitische Bedeutung der Oral History und praktizierte diese Methode – auf unkonventionelle, aber fruchtbare Art und Weise – als einer der ersten in der Schweiz. Ebenso weisen seine Texte vielfältige Verbindungen mit Ansätzen der Mentalitätsgeschichte und der Historischen Anthropologie auf, beides Forschungsrichtungen, die zum Zeitpunkt von Meienbergs Praxis noch wenig bekannt waren. Entscheidend für seine historiografische Methodik ist ihr gleichsam anarchistischer Zuschnitt, die ihn von der akademischen Geschichtsschreibung markant unterscheidet: Meienberg hat sein historisches Erzählen niemals einem einzigen Paradigma oder einer einzigen Methode verpflichtet; die empathische Annäherung an die Objekte seiner Darstellung – und das heisst immer: an Menschen – war ihm stets wichtiger als jegliche theoretische Stringenz. Eine Folge der negativen oder positiven Faszination für einzelne historische Akteure, die als zentraler Impetus für alle drei historischen Arbeiten anzusehen ist, besteht darin, dass Meienbergs Geschichtsschreibung letztlich weniger Ausdruck eines spezifischen Forschungsansatzes ist, sondern vor allem Zeugnis von seiner persönlichen Auseinandersetzung mit Menschen. Trotz heftigster Kritik an ihren politischen Machenschaften hatte Meienberg in Wille I und Wille II nicht die überindividuellen (marxistischen) Kategorien des „Kapitalisten“ oder des „Grossbürgers“ im Auge, sondern die psychologische Konstellation des etwas lächerlichen Vaters auf Mariahof mit seinem ehrgeizigen Sohn, die beide kraft ihrer gesellschaftlichen Position zu Macht und Privilegien gelangten.

Als Autor historiografischer Prosa hat sich Meienberg seine eigene écriture geschaffen, deren hervorragendes Merkmal in der Transgression jeglicher generischer Grenzen besteht. Die singuläre Vereinigung von aufklärerisch-wissenschaftlichen, operativen und literarischen Ansprüchen, die Verzahnung heterogener Ebenen, die Polyphonie der Stimmen und Stile und das souveräne Spiel mit verschiedenen Graden der Referentialität – all dies charakterisiert seine sprachlichen Kunstwerke auch über die Geschichtsschreibung hinaus und macht ihn zu einem der bedeutendsten Prosa-Autoren der schweizerischen, vielleicht gar der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Auf dem Feld der Geschichtsschreibung bringt es Meienberg mit dieser neuartigen, genussreich zu lesenden Prosa fertig, die von vielen als unüberbrückbar betrachteten Gräben zwischen seriöser Forschung und populärer Diffusion der Forschungsresultate einerseits sowie zwischen historischer Wissensvermittlung und belletristischer Unterhaltung andererseits zu überwinden. Das vielfältige Grenzgängertum zwischen den Gattungen und den Diskursen, das in Meienbergs intellektuellem Selbstverständnis seinen gemeinsamen Nenner und Ausgangspunkt findet, sich ansonsten aber jeder ‚Einordnung‘ entzieht, hat jedoch auch dazu geführt, dass die Würdigung seiner narrativen Kunst bisher spärlich geblieben ist.

Die Geschichte der Intellektuellen hat sich in Frankreich als eigenes Feld der Historiografie seit den 90er Jahren etabliert und findet auch in der deutschen Literaturwissenschaft seit kurzem verstärkte Resonanz. Ähnliches wäre für die Schweiz zu leisten, wo intellektuellengeschichtliche Ansätze erst vereinzelt verfolgt wurden. Es wäre zu untersuchen, wie sich die Beschaffenheit jener prekären Orte ausnahm, von welchen im 20. Jahrhundert kritisch über die Schweiz gesprochen werden konnte und gesprochen wurde; es wäre nach den spezifisch schweizerischen Bedingungen zu fragen, die solches kritisches Reden verlangte und nach den Konsequenzen, die es nach sich zog. Es wären die Mittel, Gattungen und Topoi dieses kritischen Diskurses zu analysieren, und ebenso diejenigen des entgegengesetzten, bürgerlichhelvetozentrischen ‚Gegendiskurses‘ – ein weites, aber äusserst spannendes Feld, in welchem Meienbergs Position bedeutend wäre, daneben jedoch andere Figuren auftauchten. Zum Beispiel der zur Max-Frisch-Generation gehörende Journalist Hans Werner Hirsch alias Peter Surava, der im Zweiten Weltkrieg als Chefredaktor der Zeitung „Die Nation“ pionierhafte Sozialreportagen verfasste, die zwar nicht in ihrer literarischen Qualität, aber in ihrer gesellschaftspolitischen Stossrichtung mit den Arbeiten von Meienberg vergleichbar sind. Surava – so Hirschs bekanntestes Pseudonym – deckte mit seinen mutigen Reportagen über Verdingkinder, Anstaltskinder und die Heimarbeit krasse soziale Missstände auf und beabsichtigte damit, auf jene ‚unbekannte‘ Schweiz aufmerksam zu machen, welche im integrativen Konzept der geistigen Landesverteidigung keinen Platz hatte und dem entsprechend ‚nicht aussprechbar‘ war – ein vergleichbare Ausgangslage also zu Meienberg, welcher mit seinem Landesverräter-Stoff auf die Verdrängungen und Tabuisierungen im Geschichtsbild der Nachkriegszeit hinwies. Während Meienberg seinen geschichtspolitisch motivierten Gerichtsprozess in den 70er Jahren ohne grössere Probleme hinter sich brachte und unter dem Schreibverbot zwar litt, aber nicht zum Schweigen gebracht werden konnte, waren die Repressalien gegen das kritische Sprechen von Surava nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ungleich massiver: In einem Akt der symbolischen Vernichtung wurde dem unbequemen ‚Nestbeschmutzer‘ das Tragen des Namens, an dem sein ganzes journalistisches und intellektuelles Renommee hing, verboten. Ein fadenscheiniger, mehrere Jahre dauernder Gerichtsprozess, der jeglicher Rechtsstaatlichkeit Hohn sprach, beraubte ihn anschliessend seiner materiellen Lebensgrundlagen und zermürbte ihn vollends. Surava tauchte nach gescheitertem Suizidversuch für viele Jahrzehnte unter und musste mit seinem Namen auch seine gesellschaftspolitischen Ambitionen und seine Identität aufgeben, die sich bis zu seiner Rehabilitierung in den 90er Jahren an wechselnde Pseudonyme heftete. Eine Generation vor Surava, und wiederum eher unbekannt, könnte auch das Werk Carl Albert Looslis untersucht werden. Auch er war ein nonkonformistischer Denker, der die beschwerliche Arbeit auf sich nahm, eine öffentliche Diskussion über das Selbstbild der Schweiz in Gang zu setzen. Innerhalb dieses vielfältigen intellektuellen Diskurses, der sich mit dem Selbstbild der Schweiz auseinandersetzt,nimmt Meienberg – so könnte hypothesenartig formuliert werden – eine gewisse Sonderstellung ein, da diese Auseinandersetzung erstens einen Schwerpunkt seines gesamten Schaffens ausmachte und da seine Kritik, wie in dieser Untersuchung gezeigt wurde, selten eindimensional und direkt moralisierend erfolgte, sondern meistens auf eine indirekte, sprachlich raffinierte, zugleich unterhaltende Art und Weise: Die Doppelung einer eigentümlichen Aggressivität und eines spielerischen Witzes sind ein zentrales Kennzeichen der interventionistischen historischen Arbeite Meienbergs.

Als Persönlichkeit bleibt Meienberg widersprüchlich. Der rigorose, von Selbstzweifeln freie Gestus, mit welchem er auftrat, die quasi religiösen Heilungsfantasien, die hinter seinen operativen Konzepten standen, die zwei Jahrzehnte überspannende, erstaunliche Homogenität und Konstanz seiner intellektuellen Positionen, das Denken und Darstellen in und mit binären Kontrasten – diese ganze untergründige, psychische und mentale Struktur lässt ihn als ‚historische‘ Figur des Kalten Krieges erscheinen, die mit einer gewissen Folgerichtigkeit in eine schwere Identitätskrise gerät, als sich diese geopolitische Konstellation auflöst. Auf der anderen Seite – und dies wurde zu seinen Lebzeiten wenig gesehen – ist Meienberg einer jener Schrifsteller, die in dieser Zeit der Ideologien den ideologischen Vereinnahmungen und Reduktionismen widerstand und seine intellektuelle Unabhängigkeit, gerade auch gegen links, vehement verteidigte. Meienberg entfaltete mit seinem Projekt, die Namen- und Sprachlosen in der Schweiz zu Wort kommen zu lassen und die Schweizer Geschichte gewissermassen gegen den Strich zu lesen, indem er eine völlig neue Perspektive ‚von unten‘ entwickelte, ein bemerkenswertes sozialpolitisches Engagement. Dieses Engagement erfolgte aber nicht auf der Grundlage edler Philanthropie, sondern vor dem Hintergrund seines anarchonarzisstischen Weltbildes: Das Schreiben über die ‚Beherrschten‘ und ‚Unterdrückten‘ war stets auch ein Schreiben über sich selbst, da er sein eigenes Leben – wie im Falle von Ernst S. gezeigt – in dasjenige seiner Protagonisten projizierte. Ein dritter produktiver Widerspruch liegt in Meienbergs bizarrer Hassliebe zur Schweiz begründet. Die Aggression, mit welcher er seit Ernst S. immer wieder über die Schweiz sprach, war bis dato unbekannt. Gleichzeitig benötigte er die Schweiz, die schweizerische Mentalität und die geistige Enge in der Zeit des Kalten Krieges wie kein Zweiter, um kreativ und produktiv zu werden. Er ‚floh‘ nach Frankreich, um Atem zu holen, kehrte aber immer wieder nach Zürich zurück; und von Deutschland, wo er sich ebenfalls hätte entfalten können, wollte er nichts wissen, wie ein Kritiker und Freund resigniert feststellte. Er hasste die Schweiz und war zugleich Schweizer durch und durch, der für die alten, eidgenössisch-republikanischen Werte wie Demokratie, Gleichheit und Gerechtigkeit eintrat. Denn es war die Erkenntnis der Ungleichheit, die Beobachtung, dass Ungleichheit in der Schweiz existierte, die als Initialzündung hinter seinem Landesverräter- Stoff stand; und die Ungleichheit, die er mit steigenden Ruhm an seiner eigenen Person erlebte – plötzlich galt er mehr als ein ‚einfacher‘ Arbeiter – hat ihn zutiefst befremdet und zur Erschütterung seines intellektuellen Selbstverständnisses beigetragen.

Es wird keine Möglichkeit, aber auch keinen Grund geben, die Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit, die als biografischer Hintergrund hinter seinem singulären intellektuellen Projekt stand, in einer harmonisierenden Lesart aufzuheben.


Niklaus Meienberg – Literat und Rebell

Niklaus Meienberg, der profilierteste deutschsprachige Schriftsteller-Journalist, den die Schweiz je hatte, ist vor fünfzehn Jahren gestorben. Er wollte nicht mehr „das schöne Metier der Kassandra“ betreiben, nicht mehr der „offiziell akkreditierte Robin Hood“ sein, der sich empört, wann immer die satte Oberfläche der Schweiz vom unterschwelligen Dauerskandal der Klassengesellschaft geritzt wird.

Artikel von Karin Vogt in Debatte Nummer 6 - September 2008

 

 


Literarische Kampfmittel in Meienbergs Texten

„Klassenkampf findet für mich in der Sprache statt, aber das Wort 'Klassenkampf' würde ich ungern brauchen. Versuchen die Sprache wieder zurückzuerobern, die verwaltet wird von Leuten, die nichts mit uns zu tun haben, die offensichtlich schädlich sind für uns. Diese Anstrengung findet bei jedem Adjektiv statt, beim Rhythmus eines Satzes, den du anders machst als die Reklamesprache oder die abgenutzte Zeitungssprache. Oder hochgestochen ausgedrückt, wie die Strukturalisten sagen: Im ‚Signifiant’, nicht nur im ‚Signifié’ findet Klassenkampf statt. Wenn man Klassenkampf machen will und hat zwar die richtigen Ansichten, aber in der Sprache findet nichts statt, dann votiere ich im Zweifelsfall für Proust gegen Wallraff.”

(aus Gespräch zwischen Niklaus Meienberg und Otto F. Walter zur Realismusdebatte im Winter 1983/84.)

 

Journalismus als persönliche Stellungnahme, Sprache als Kampfmittel, Öffentlichkeit als Raum für Debatten – intellektuelles Engagement zur Förderung einer herausfordernden Streitkultur: Das sind Ansprüche, die dem Journalisten, an dem sich seiner Zeit die Geister schieden wie an keinem anderen, gerecht werden. Ansprüche auch, denen er, Niklaus Meienberg, gerecht zu werden suchte. Und dabei ging er keine Kompromisse ein, in keiner Hinsicht, nicht persönlich, nicht inhaltlich – und schon gar nicht sprachlich. „Ich habe nicht im Sinn, mich auf die schweizerische Gutmütigkeit einzulassen“, meinte er. Ganz im Gegenteil; wo er lebte und schrieb, war es aus mit gutmütigem (Ver)Schweigen, mit sprachlichen Streicheleinheiten und einem Journalismus, der das gängige Objektivitätspostulat jedem Inhalt voranstellte. Meienberg provozierte wie kein anderer, forderte (und überforderte wohl teilweise) seine Leser – und trug denn auch immer die Konsequenzen, die unverblümtes Aufmerksammachen unausweichlich mit sich bringen.

 

Mehr dazu in der MA Seminararbeit von Pascale Schaller: "Es ist alles so verknüpft." - Uneigentlichkeit und Indirektheit als literarische Kampfmittel in Texten Meienbergs.

 

 


Meienberg schlägt Furgler

O Othmar Leintuch Handballstadt

O Freisinn Weihrauch Pferdestadt

O Sportler Pfaffen Metzgerstadt

O Stadt im Thal o Thalmannstadt

O dreimal gottvergessene bleiche Heimat 

 

Zeitlos und herzzerreissend klingen sie, die Verse, die Meienberg einst seiner Vaterstadt zudachte, 1981, im Lyrikband Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge. Sie zeugen von der Liebe eines Autors zu seiner Heimat, der heimatlich gebleichte(n) kreuzbleich schielende(n) Mumie, aber auch von der abgründigen Gemütlichkeit, die darin waltet und in den Worten Meienbergs ihren gültigen Ausdruck findet: Wie stickig ists in deinen Mauern / wie leicht lässt es sich da / versauern

 

Kein Zweifel: Wer seiner Heimatstadt ein solches Denkmal setzt, hat selbst eines verdient. Bereits 1990, drei Jahre vor seinem Tod, durfte Meienberg den St. Galler Kulturpreis entgegennehmen - in Abwesenheit der Kantonsregierung, die aus politischen Gründen zu Hause bleiben wollte. Jetzt, 16 Jahre später, schickt sich die feldgrau trommelnde Leiche Vaterstadt zu einer Apotheose an, die ihresgleichen sucht: Wie die Stadtkanzlei jüngst bekannt gab, hat sich der Stadtrat entschlossen, die neue Erschliessungsstrasse entlang dem Birnbäumenhang zu Ehren des berühmten Schreiberlings auf den Namen Meienbergstrasse zu taufen.

 

Welche Bedeutung diesem Ereignis zukommt, beweist nicht nur der Umstand, dass selbst die kulturfreie Pendlerzeitung 20Minuten mit der einschlägigen Meldung aufwartete. Ein Blick ins städtische Strassenverzeichnis zeigt, wie hoch die Hürde der Anerkennung ist, die übersprungen werden muss, um in den illustren Kreis der Strassennamenträger aufgenommen zu werden: Nur Pestalozzi, Schiller, Keller, Goliath und Gotthelf haben das geschafft, während Kurt Furgler, dem berühmten Bundesrat und Meienberg-Opponenten, die Weihung bisher versagt blieb. Meienberg vor Furgler: da lacht der bärtige Schreiberling, dreht sich in seinem Grab und stimmt eine letzte, ergreifende Strophe auf seine Heimat an:

 

O Vavaterstadt

O Vadianstadt

O Gallenstadt

O Nierenstadt

O Olma Brodworscht Biberstadt

O Furglercity Stickerstadt

O Schübligtown grau anzuschaun

 

(om)

 

 

 

 


Weitere Überbleibsel

Was macht eigentlich... Aline Graf?

Meienberg reloaded

Literarische Kampfmittel in Meienbergs Texten

Nachlass im Netz

Blochen mit Meienberg

Gefälliger CH-Journalismus

Ohne Kommentar (II)

Ohne Kommentar (I)

Meienberg und das TAM

Rezensierte Rezensionen

Die Gestorbene

Deckname: Meienberg

Die Presse zum 10. Todestag

Hugo über Niklaus

Roger Meienberg und Niklaus Köppel

Rettet die Schweiz!

Tut etwas, wenn ihr nicht

Das war nicht seine Kunst

Die NZZ erinnert sich

Meyer vs. Meienberg

Jürg Wille verhindert Theateraufführung