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Niklaus Meienberg – Literat und Rebell

Niklaus Meienberg, der profilierteste deutschsprachige Schriftsteller-Journalist, den die Schweiz je hatte, ist vor fünfzehn Jahren gestorben. Er wollte nicht mehr „das schöne Metier der Kassandra“ betreiben, nicht mehr der „offiziell akkreditierte Robin Hood“ sein, der sich empört, wann immer die satte Oberfläche der Schweiz vom unterschwelligen Dauerskandal der Klassengesellschaft geritzt wird.
Artikel von Karin Vogt in Debatte Nummer 6 - September 2008
 Literarische Kampfmittel in Meienbergs Texten

„Klassenkampf findet für mich in der Sprache statt, aber das Wort 'Klassenkampf' würde ich ungern brauchen. Versuchen die Sprache wieder zurückzuerobern, die verwaltet wird von Leuten, die nichts mit uns zu tun haben, die offensichtlich schädlich sind für uns. Diese Anstrengung findet bei jedem Adjektiv statt, beim Rhythmus eines Satzes, den du anders machst als die Reklamesprache oder die abgenutzte Zeitungssprache. Oder hochgestochen ausgedrückt, wie die Strukturalisten sagen: Im ‚Signifiant’, nicht nur im ‚Signifié’ findet Klassenkampf statt. Wenn man Klassenkampf machen will und hat zwar die richtigen Ansichten, aber in der Sprache findet nichts statt, dann votiere ich im Zweifelsfall für Proust gegen Wallraff.”
(aus Gespräch zwischen Niklaus Meienberg und Otto F. Walter zur Realismusdebatte im Winter 1983/84.)
Journalismus als persönliche Stellungnahme, Sprache als Kampfmittel, Öffentlichkeit als Raum für Debatten – intellektuelles Engagement zur Förderung einer herausfordernden Streitkultur: Das sind Ansprüche, die dem Journalisten, an dem sich seiner Zeit die Geister schieden wie an keinem anderen, gerecht werden. Ansprüche auch, denen er, Niklaus Meienberg, gerecht zu werden suchte. Und dabei ging er keine Kompromisse ein, in keiner Hinsicht, nicht persönlich, nicht inhaltlich – und schon gar nicht sprachlich. „Ich habe nicht im Sinn, mich auf die schweizerische Gutmütigkeit einzulassen“, meinte er. Ganz im Gegenteil; wo er lebte und schrieb, war es aus mit gutmütigem (Ver)Schweigen, mit sprachlichen Streicheleinheiten und einem Journalismus, der das gängige Objektivitätspostulat jedem Inhalt voranstellte. Meienberg provozierte wie kein anderer, forderte (und überforderte wohl teilweise) seine Leser – und trug denn auch immer die Konsequenzen, die unverblümtes Aufmerksammachen unausweichlich mit sich bringen.
Mehr dazu in der MA Seminararbeit von Pascale Schaller: "Es ist alles so verknüpft." - Uneigentlichkeit und Indirektheit als literarische Kampfmittel in Texten Meienbergs.
 Meienberg schlägt Furgler

O Othmar Leintuch Handballstadt
O Freisinn Weihrauch Pferdestadt
O Sportler Pfaffen Metzgerstadt
O Stadt im Thal o Thalmannstadt
O dreimal gottvergessene bleiche Heimat
Zeitlos und herzzerreissend klingen sie, die Verse, die Meienberg einst seiner Vaterstadt zudachte, 1981, im Lyrikband Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge. Sie zeugen von der Liebe eines Autors zu seiner Heimat, der heimatlich gebleichte(n) kreuzbleich schielende(n) Mumie, aber auch von der abgründigen Gemütlichkeit, die darin waltet und in den Worten Meienbergs ihren gültigen Ausdruck findet: Wie stickig ists in deinen Mauern / wie leicht lässt es sich da / versauern
Kein Zweifel: Wer seiner Heimatstadt ein solches Denkmal setzt, hat selbst eines verdient. Bereits 1990, drei Jahre vor seinem Tod, durfte Meienberg den St. Galler Kulturpreis entgegennehmen - in Abwesenheit der Kantonsregierung, die aus politischen Gründen zu Hause bleiben wollte. Jetzt, 16 Jahre später, schickt sich die feldgrau trommelnde Leiche Vaterstadt zu einer Apotheose an, die ihresgleichen sucht: Wie die Stadtkanzlei jüngst bekannt gab, hat sich der Stadtrat entschlossen, die neue Erschliessungsstrasse entlang dem Birnbäumenhang zu Ehren des berühmten Schreiberlings auf den Namen Meienbergstrasse zu taufen.
Welche Bedeutung diesem Ereignis zukommt, beweist nicht nur der Umstand, dass selbst die kulturfreie Pendlerzeitung 20Minuten mit der einschlägigen Meldung aufwartete. Ein Blick ins städtische Strassenverzeichnis zeigt, wie hoch die Hürde der Anerkennung ist, die übersprungen werden muss, um in den illustren Kreis der Strassennamenträger aufgenommen zu werden: Nur Pestalozzi, Schiller, Keller, Goliath und Gotthelf haben das geschafft, während Kurt Furgler, dem berühmten Bundesrat und Meienberg-Opponenten, die Weihung bisher versagt blieb. Meienberg vor Furgler: da lacht der bärtige Schreiberling, dreht sich in seinem Grab und stimmt eine letzte, ergreifende Strophe auf seine Heimat an:
O Vavaterstadt
O Vadianstadt
O Gallenstadt
O Nierenstadt
O Olma Brodworscht Biberstadt
O Furglercity Stickerstadt
O Schübligtown grau anzuschaun
(om)
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