Rezensierte Rezensionen

«Ich halte die Geschichtswissenschaft vor allem für eine Kunst, eine essentiell literarische Kunst.» (Georges Duby)
Wahrlich, für Aufsehen hat es nicht gesorgt, das neue Buch von Alexis Schwarzenbach über die «geborene» Urgrossmutter Renée Schwarzenbach-Wille (vgl. unten). Trotzdem scheint es die Erinnerung an Meienbergs «Welt als Wille & Wahn» (1987) ein wenig geweckt zu haben. Kein Rezensent, keine Rezensentin hat es verpasst, den Namen Meienberg zu erwähnen.
Weniger erfreulich ist die Art und Weise, wie sie dies taten. Nicht selten erscheint Meienbergs Werk als polemisches Artefakt, dem die nüchterne Sachlichkeit von Schwarzenbachs Publikation gegenübergestellt wird. «Anders als dessen polemisches Porträt ist Alexis Schwarzenbachs Darstellung seiner Familie sachlich und undogmatisch», schrieb die NZZ (16.11), und die Berner Zeitung (19.11) reduzierte «Die Welt als Wille & Wahn» maliziös auf eine Versammlung von grotesken «Schiessbudenfiguren und Pappkameraden».
Dass es auch anderes geht, beweist ein fundierter, unaufgeregter Artikel in der Wochenzeitung (WOZ) vom 6. Januar. Unter dem Titel «Ein Clan und seine Chronisten» nimmt Stefan Keller Schwarzenbachs Buch als Anlass, über «verpasste Fortschritte» in der Behandlung des Wille-Themas nachzudenken und das Verhältnis von Journalismus und Geschichtsschreibung in diesem Land zu hintersinnen – was Meienberg ja auch getan hat.
Nachfolgend einige Auszüge aus Kellers Artikel:
Als Niklaus Meienberg das Buch «Die Welt als Wille und Wahn» veröffentlichte – in leicht verständlicher Sprache, ohne jede Fussnote, aber mit Quellenverweisen und Dokumentenanhang –, haben ihm einige Historiker vorgeworfen, er schreibe gar nicht Geschichte, sondern «linke Publizistik» und «Belletristik». […]
Immer wieder war Meienberg «Polemik» vorgeworfen worden, «Einseitigkeit» oder eine «manichäische Grundhaltung», weil er als Autor eine erkennbare Haltung einnahm und die Geschichte des an Verbrechen und Skandalen reichen 20. Jahrhunderts nach dem wissenschaftlichen Zeitgeschmack allzu wortstark und leidenschaftlich referierte. […]
In der Regel ging es aber nicht um die Frage, ob Meienberg Recht hatte oder nicht, sondern ob man so, wie er arbeitete – mit journalistischen Vorgehensweisen, mit einer nichtakademischen, engagierten Sprache –, überhaupt arbeiten durfte. […]
Der Widerspruch zwischen akademischer und nichtakademischer Geschichtsschreibung lebt auch bei kritischen jungen HistorikerInnen fort, und manchmal wäre man fast versucht, ihn als Dünkel von UniversitätsabsolventInnen zu bezeichnen, die sich, so schlecht es ihnen im Einzelfall wirtschaftlich gehen mag, immer noch zu den Mitgliedern einer besonderen Kaste zählen.
Zu Schwarzenbachs Buch stellt Keller fest:
Trotz dieser Fülle an unbekanntem Material […] trotz unzähliger Details, die man vorher höchstens erahnen, mangels Archivzugang jedoch nie beweisen konnte, hat Alexis Schwarzenbach 2004 ein weitaus weniger spannendes und weniger wichtiges Buch vorgelegt als Meienberg 1987.
(om)

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