Rettet die Schweiz! Oder: Meienberg im Dienste des Patriotismus

Anlässlich ihres siebzigsten Geburtstags hat sich die "Weltwoche" dazu bequemt, ins Archiv zu steigen und nach Artikeln zu suchen, "die noch heute etwas zu sagen haben." Ein löbliches Unterfangen! Vorallem wenn daraus ein Sonderheft entsteht, in dem auch der allseits geschätzte Niklaus M. seinen gebührenden Platz erhält. (Gleichsam als späte Reue für das von uns beargwöhnte Ignorieren desselben im September). Doch - was hat uns die Geburtstag-Ausgabe zu bieten? "Rettet die Schweiz" - ein patriotischer Erguss aus M's Spätphase.* Wüsste man es nicht besser, man würde ein SVP-Positionspapier dahinter vermuten. Und tatsächlich: liest man das Text-Konvolut in seiner Gänze, so stellt man mit nicht geringen Schrecken fest, dass sich M. hier als Apologet volksparteilicher Auffassungen erweist. Wie anders liesse sich erklären, dass der Autor die jüngst von der Volkspartei wieder erhobene Forderung nach einer Volkswahl des Bundesrates legitimiert?:
"Die Landesteile könnte man miteinander verklammern, indem man, die Anregung vom Nationalrat Bremi aufnehmend, welcher einen Bundespräsidenten mit erweiterten Kompetenzen installieren möchte diesen Präsidenten gleich vom - horrible dictu! - Volk wählen liesse (vielleicht auf vier, keinesfalls auf sieben Jahre). So müsste denn ein Politiker mit seinem Programm und seiner Persönlichkeit (sic) die Kampagne im alemannischen und welche Landesteil führen, überall gleichmässig bekannt und akkzeptiert werden und debattieren, bevor er gewählt wird..."
Man sieht: der re-publizierte Meienberg-Artikel wurde sorgsam ausgewählt (man darf vermuten: durch R.K. höchst-persönlich).
Wie gut sich Meienbergs Spätschriften für die Verteidigung eines falsch verstandenen Patriotismus zu eignen scheinen, zeigt eine Rede von SVP-Nationalrat und Neo-Weltwoche-Kolumnist Christoph Mörgeli, gehalten anlässlich der "Schweizerzeit"-Herbsttagung im November 2000. Unter dem Titel "Der Kleinstaat und die Ideologie des Grossräumigen" geisselte Mörgeli die angeblich planmässige "Diskreditierung des neutralen, kleinstaatlichen Nichtmitglieds durch die EU". Dabei verwies er nicht nur auf jenen unrühmlichen Betrag von Gerd Bucerius in der "Zeit" vom 19.10.1990, worin die Schweiz als "Staatssplitter" bezeichnet wurde, sondern auch auf Meienberg, der sich aufgrund dieser "Ungeheuerlichkeit" zu einer scharfen (ebenfalls in der "Zeit" publizierten) Entgegnung veranlasst sah.** Dazu Mörgeli:
"Es war der gegen Innen gewiss unbequeme Schriftsteller (sic) Niklaus Meienberg, der solche Töne von Aussen in aller Schärfe zurückwies, da solche grossstaatlich-überhebliche Fanfarenstösse ihn zwingen würden, 'nach langer Pause wieder Patriot zu werden - schweizerischer.' "
Meienbergs patriotischer Dienst und dessen Beanspruchung durch die politische Rechte ist gewiss ein unrühmliches Kapitel. Es sei deshalb an Hugo Loetscher erinnert, der sich - auf M. bezugnehmend - dezidiert gegen die Instrumentalisierung von Patriotismen ausgesprochen hat:
"Ich bin für mich bis heute ohne das Wort Patriot ausgekommen. Ich nehme an, dies wird auch gelten für die Jahre, die mir bleiben. Wenn Patriotismus eine Tugend ist, hört sich diese Äusserung nicht tugendvoll an. Aber ich hatte schon immer Probleme mit der Tugend, mit dem Laster übrigens auch.
Es hatte mich seinerzeit auf erste überrascht, als ein Niklaus Meienberg sich darauf berief, Patriot zu sein, und die Auszeichnung auch für Mitstreiter reklamierte. Andererseits war es begreiflich, dass die, welche als Nestbeschmutzer abgekanzelt werden, auf das aufmerksam machen, was selbstverständlich sein sollte, nämlich dass die Kritik am eigenen Land zumindest aus Interesse an diesem Land entsteht, wenn nicht gar aus Liebe und Passion zu ihm. - Meine Bedenken hängen also damit zusammen, dass es unter Umständen gilt, das Vaterland vor solchen zu schützen, die es zu verteidigen vorgeben. Dem Vaterland geht es in dieser Hinsicht nicht besser als dem lieben Gott, für den man nicht minder Mitleid empfinden muss, wenn man sieht und hört, was alles sich für ihn auf welch gläubige Weise einsetzt."***
(OM)
* Niklaus Meienberg: Weh unser guter Kaspar ist tot. Plädoyers u. dgl. Zürich 1991. S. 137-141. .
** Niklaus Meienberg: Weh unser guter Kaspar ist tot. Plädoyers u. dgl. Zürich 1991. S. 133-136.
*** Hugo Loetscher: Patriotismus als Tugend. Rede anlässlich der Veranstaltungsreihe "Scheitert die Schweiz?" im Keller des Schauspielhauses 1996, abgedruckt in: NZZ, 11.11.1996, S.19.

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