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Der vorbildliche Seppi - Jetzt auch im Kino

Das war der Seppi Siffert aus der Unterstadt, aus dem Elend in den Erfolg getrieben, in früher Jugend drangsaliert von Vater, Milieu und Lehrern, via Nürburgring und Monza in die Oberstadt verschlagen, zur Welt gekommen neben dem Restaurant "Tirlibaum", aus der Welt gegangen in Brands Hatch, begraben wie seine Vorfahren, die Söldner.

 

Mit diesen Worten resümierte Meienberg im Februar 1972 die Vita des Rennfahres Joseph Siffert, der drei Monate zuvor in Brands Hatch erst die Herrschaft über seinen Wagen, dann über sein Leben verloren hatte und zu Grabe gefahren werden musste. Meienbergs Text über den Freiburger Volkshelden war zugleich ein süffisantes Porträt jener Stadt, die ihn produzierte und verbrämte, lange bevor er auf dem Friedhof (...) nahe beim Sportstadion zu liegen kam, umwölkt von den Worten der Freiburger Regierung, die den Mythos munter ausmalte: Er wird für alle der Inbegriff des perfekten Sportlers bleiben und für die Jugend ein Beispiel für den Erfolg sein, welcher einem unerschütterlichen Willen und unablässiger Arbeit entspringt.

 

Heute, 33 Jahre später, steht Seppi wieder auf - und mit ihm die zeitlose Legende des vorbildlichen Glückschmieds: C'est une leçon de vie pour les jeunes. Il faut persévérer quand on croit à quelque chose. Aujourd'hui, on a trop de confort, sagte Sifferts Junior Philippe kürzlich der Zeitschrift Revue Automobile. Anlass des Gesprächs war der neue Siffert-Film des jungen Regisseurs Men Lareida, der Mitte Dezember auch in die Deutschschweizer Kinos kommt, nachdem er in der Romandie bereits angelaufen ist. Dass die Hommage an eine unvergessliche Schweizer Sportlegende mit dem überaus englischen Untertitel LIVE FAST - DIE YOUNG nicht nur Sifferts Sohn und die Freiburger Regierung, sondern auch alle andern Fans, Nostalgiker und Mythologen vollauf zufrieden stellen wird, darf befürchtet werden.

 

Wer nicht bis Mitte Dezember warten will, kann schon mal einen Blick in die NZZ am Sonntag werfen. Unter dem Titel Ohne Wenn und Aber hat das flinke Blatt nämlich eben erst ein Porträt des Vorbild-Sportlers vorgelegt, das nicht nur sämtliche Boliden-Modelle Sifferts akurrat aufführt, sondern auch die vielen Renn- und Frauenabenteuer des Piloten rekapituliert, um schliesslich festzuhalten: Jo Siffert ist die Schweizer Version der amerikanischen Rocky-Legende, in der sich ein mittelloser Nobody nach oben boxt.

 

Wer den Seppi hingegen im Zusammenhang sehen möchte, eingebettet in seine Familie, sein Quartier, seine Schule, seine Klasse, seine Religion. Wer sich erkundigen möchte, warum er sich anders betten musste, als er ursprünglich lag, und warum es ihn auf allen Rennbahnen der Welt mit 300 und mehr Stundenkilometern im Kreis herumtrieb(,) bis es in Brands Hatch dann an der falschen Stelle geradeausging, der beuge sich (noch einmal) über Meienbergs schillernde Reportage - ein Unterfangen das auch dem NZZaS-Autor gewiss nicht schaden würde, zumal er den Meienberg-Text als Essay in Erinnerung behalten hat.

(om)

 

Niklaus Meienbär: Jo Siffert (1936-1971). In: Heimsuchungen. Ein ausschweifendes Lesebuch. Zürich: Diogenes 1986. S. 89-106.