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Tages-Anzeiger vom 26.07.2003

 

Jürg Wille verhindert Theateraufführung

Die Laienbühne Atelier-Theater Meilen hat ihr neustes Stück abgesetzt. Der Hausherr hat die Uraufführung auf seinem Anwesen Mariafeld verboten.

 

Von Jürg Schmid

 

Seit zehn Jahren ist das Atelier-Theater Meilen auf dem Anwesen Mariafeld von Jürg Wille in Feldmeilen eingemietet. Die Präsidentin des Theatervereins ist auch privat Mieterin, ihr Mann betreibt dort eine Schreinerei. Mitte Januar 2004 wollte die Laienbühne ihre neuste Produktion, den Dreiakter «Wenn der Schleier fällt», auf der Heubühne im Mariafeld uraufführen. Daraus wird nun nichts.

 

«Gegen Aktivdienstgeneration»

 

Mitte Juli teilte Marco Badilatti, Autor des Stücks und Präsident der Bühne von 1993 bis April 2003, den Laiendarstellern an einem Probenabend mit, er habe sein Stück zurückgezogen. Zudem dürfe das Theater den «Schleier» an keinem anderen Ort in Meilen und Umgebung lüften. Der Grund für den Eclat: Hausherr Jürg Wille, Enkel von Ulrich Wille, dem deutschfreundlichen General im Ersten Weltkrieg, hat die Aufführung gemäss einem Bericht der «Zürichsee-Zeitung» auf seinem Grund und Boden verboten.

Wille empfinde das Stück als Schlag gegen die Aktivdienstgeneration, schrieb Badilatti den Theatermitgliedern. Dies habe er nie beabsichtigt und es treffe auch inhaltlich nicht zu. Grundsätzlich und kritisch beleuchtet werde der Waffenhandel hiesiger Rüstungsfirmen mit den Nazis. Aber lediglich als Gewissenskonflikt, nicht aus gesellschaftspolitischer Perspektive. Der Dreiakter behandelt laut Badilatti am Beispiel der Landminen das Spannungsfeld zwischen materiellen und ethischen Ansprüchen und die Schwierigkeit, beiden gleichzeitig gerecht zu werden. Weder Wille noch Badilatti waren am Freitag für eine Stellungnahme erreichbar.

Das Verbot Willes hat den Autor laut seinem Schreiben an die Mitglieder persönlich verletzt, und er sieht seine urheberrechtlichen Auflagen hintergangen. Er habe eine Weitergabe des Textes ausserhalb des Ensembles vor der Uraufführung untersagt, sagte die Theatersprecherin Annette Frommherz. Die Frage ist: Wer hat Wille das Manuskript zugesteckt? Dazu wolle sie nichts sagen, meinte Frommherz. Und weshalb kämpfte der Vorstand nicht für einen alternativen Aufführungsort, um das Stück zu retten? «Wir hatten keine Wahl. Der Autor hat einen Rückzug gemacht. Der Vorstand hatte keine Gelegenheit, Stellung zu nehmen», erklärte Vizepräsident Helmuth E. Stanisch. Im Dorfsaal der Gemeinde, im «Löwen», wäre die Uraufführung auch nicht möglich. Der Raum heisst Jürg-Wille-Saal.

 

Verdienste um die Gemeinde

 

Autor Badilatti erklärt in seinem Schreiben, er habe aus Rücksicht auf das hohe Alter von Wille, dessen Gesundheit und langjährige Gastfreundschaft dem Theater gegenüber sowie dessen Verdienste um die Gemeinde das Drama «aus dem Verkehr gezogen». Der Autor ist auch aus dem Vorstand des Vereins ausgetreten, um seine Laienbühne, die er 1973 mitbegründet hatte, Scherereien zu ersparen. Möglich ist aber auch, dass der Vorstand auf Widerstand gegen Willes Zensur verzichtet, weil das Theater in dessen Anwesen beheimatet ist und die Präsidentin dort als Mieterin wohnt. Diese war wegen Ferienabwesenheit für eine Stellungnahme ebenfalls nicht erreichbar.

Unklar ist, ob Willes Maulkorb eine Berechtigung hat oder nicht. Der genaue Inhalt des Stücks ist nicht bekannt. Vermutet wird, Wille habe auch aus Rücksicht auf die befreundete Familie Bührle eingegriffen. Das Verhalten des Hausherrn im Marienfeld überrascht nicht. Jürg Wille tut sich schwer mit Enthüllungen über die Vergangenheit der Offiziersfamilie. Der Schriftsteller Niklaus Meienberg hatte 1987 für Diskussionen gesorgt, als er in seinem Buch «Die Welt als Wille und Wahn» den deutschfreundlichen General Ulrich Wille und dessen Verachtung gegenüber Bundesrat, Parlament und Journalisten entlarvte.

Die Reaktion Willes mutet grotesk an. Das Meilemer Ensemble ist ein hochkarätiges Laientheater mit Ausstrahlung über die Region Meilen hinaus, aber keine Bühne von kantonaler oder gar nationaler Bedeutung.

Das herrschaftliche Verbot hat für das Meilemer Laienensemble mitten in den Proben zum neuen Stück unliebsame Konsequenzen. Es muss jetzt ein neues Stück finden und dieses von Grund auf in kürzerer Zeit, bis zur Premiere im Januar, bühnenreif erarbeiten. Zudem müsse der Vertrag mit dem Profiregisseur Paul Lohr erfüllt werden, sagte Annette Frommherz. Anfang Juli hatte das Ensemble Aristophanes’ «Lysistrata» gespielt, vor zwei Jahren Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter».