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Die NZZ erinnert sich (ein bisschen)

Für einen Artikel zum 10. Todestag hat's nicht gereicht - doch wenn die SVP zum Abstimmungskampf bläst, greift die NZZ gerne mal wieder auf den "linken Journalisten und Schriftsteller" Meienberg zurück. Das Resultat lässt sich heute (28.5.) im Inlandbund nachlesen:

 

Das Plakat, das für die Einbürgerungsinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP) werben soll, erinnert ungewollt an den linken Journalisten und Schriftsteller Niklaus Meienberg. Dieser sah nach einem Motorradunfall, bei dem der rote Pass seiner Freundin vom Winde verweht worden war, bereits die Blick-Schlagzeile vor sich: "Italienerin verhühnert ihren neuen Schweizer Pass." Bei der SVP wird der Pass nicht von den Inhabern verhühnert, sondern von den Behörden verschleudert. "Schluss mit der Verschleuderung des Schweizer Bürgerrechts!", heisst es neben den Insignien des Landes - dem Matterhorn und der Schweizer Fahne.

 

Dass die SVP-Strategen mit Meienbergs Reportage* vertraut sind, will nun wahrlich niemand behaupten. Stattdessen wird hier die These vertreten, dass auch Frau "rom" die (nochmalige) Lektüre derselben unterlassen hat. Wer einen Blick auf den Originaltext wirft, erkennt folgendes: Zwar kommt der Pass tatsächlich abhanden, aber bei voller Fahrt und vor allem: vor dem erwähnten Unfall auf der Axenstrasse. Das vermeintliche Blick-Zitat wiederum lautet in Wirklichkeit: Frisch eingebürgerte Italien-Schweizerin verhühnert auf dem Weg nach Italien ihren Schweizer Pass. Nun: man soll ja nicht kleinlich sein.Doch solcherlei Ungenauigkeiten erstaunen in einer Zeitung, die 1993 einen ganzseitigen Verriss** von Meienbergs Werk publizierte, worin unter anderem von "Simplifizierungen" die Rede war. (om)

 

* Niklaus Meienberg: Diese bestürzende, gewaltsame, abrupte Lust. in: Weh unser guter Kaspar ist tot. Plädoyers u. dgl. Zürich 1991. S. 43-53.

** Andreas Breitenstein: Das Prinzip Anekdote. In: NZZ, 20. März 1993.

 

Auszug aus: "Diese bestürzende, gewaltsame, abrupte Lust":

 

Und wirklich, L.s Flugbillett, Pass, Necessaire, Fahrausweis sind nicht mehr im Reisesack, eine erste Trübung des Reiseglücks zeichnet sich ab. Wenden, neun Kilometer zurückfahren, nochmals wenden, auf dem Pannenstreifen Schritt fahren, mit blinkender Warnblinkleuchte, nach drei Kilometern in der Strassenmitte, unter der Leitplanke, ein blaues Papier: der Fahrausweis. Später rechts unter dem Gebüsch etwas Gelbes: Was vom Flugticket übriggeblieben ist (mit Pneu-Abdruck). Später das Necessaire (ohne Haarbürste), nach sechs Kilometern, auf einer Autobahnbrücke von weitem sichtbar ein roiter Punkt: der Pass. Der entscheidende Punkt. Der gute rote Schweizer Pass, den zu erhalten es die gebürtige Italienerin L. so viele Anstrengungen gekostet hat. Aufgeschlagen wie ein kleines Zelt, auf die Seite geschleudert von einem x-beliebigen Pneu, liegt er da, knapp vor dem Abgrund. Noch ein Luftzug, und er wäre über die Brücke geflattert.