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Die Gestorbene

Sie hatte nicht die Gabe, sich bei den Menschen populär zu machen, und sie wollte sie nicht haben.

(Pfarrer Spinner 1959 bei der Abdankung von Renée Schwarzenbach-Wille)

 

Das hat uns schon lange interessiert: Wie hätte Renée Schwarzenbach-Wille wohl auf Meienbergs Buchs Die Welt als Wille & Wahn reagiert, hätte ihr vorzeitiges Ableben die Lektüre desselben nicht verhindert? Ihr Urgrossenkel Alexis Schwarzenbach weiss es: Sie hätte das Sturmgewehr genommen und den Meienberg erschossen. So jedenfalls hat es der doktorbetitelte Historiker von seinem Grossvater Hasi erfahren. Nachzulesen ist die geschichtsträchtige Anekdote in Alexis eben erschienenem Buch Die Geborene, das sich auf die Spuren von Renée Schwarzenbach-Wille und ihrer Familie begibt.

Aufgrund seiner Doppelfunktion als Urgrossenkel und Historiker konnte Schwarzenbach dabei auf eine bemerkenswerte Fülle an Quellen zurückgreifen. Während Meienberg 1987 vorübergehend die Legalität zugunsten der Legitimität ausser Kraft setzen musste, um an einschlägiges Material zu gelangen, wurde Schwarzenbach im Hause seiner Grosseltern mühelos fündig: rund 10'000 Fotos - in Tagebuchalben feinsäuberlich eingeklebt und kommentiert - hatten dort jahrelang auf einen gewissenhaften Historiker gewartet, der nicht contra schreibt (vgl. die Aussagen von Jürg Wille im Dokumentarfilm von Tobias Wyss).  Dass Schwarzenbach nicht gewillt war, contra zu schreiben, stellt er gleich im Vorwort klar: In diesem Buch hab ich nicht versucht, mir das richtige Bild meiner Urgrossmutter zu machen. Ich habe lediglich den Versuch unternommen, ihr Leben anhand der mir zugänglichen Quellen so gut wie möglich zu beschreiben. Anders als mit fünfzehn bin ich heute nicht mehr froh, meine Urgrossmutter nicht gekannt zu haben. 

Der Umstand nun, dass der Autor in seiner Doppelfunktion an das Thema herantrat, gereicht dem Buch nicht unbedingt zum Vorteil; für Schwarzenbach hat der Zwitter-Charakter seines Werks aber durchaus Vorzüge, zumal es sich so gegen allzu forsche Kritiker zu immunisieren vermag: Wer die Berücksichtigung der einschlägigen Forschung vermisst und die grosszügige Empathie des Urgrossenkels beanstandet, kann mit dem Hinweis auf Schwarzenbachs persönlichen Zugang gestillt werden. Und wer sich an der oft schwerfälligen Art der Präsentation stört, muss sich mit dem Hinweis auf den mangelnden Sprachfuror begnügen, an dem die deutschsprachige Historiografie nach wie vor krankt. Meienberg hat 1987 seine ideologische Position offen gelegt und damit seine kritische Perspektive legitimiert. Schwarzenbachs Buch hingegen geht die kritische Perspektive im wesentlichen ab. Dass Reneé Schwarzenbach, die Tätschmeisterin auf Bocken (Meienberg), nach der Lektüre das Sturmgewehr ihres Gemahls im Schrank gelassen hätte, ist anzunehmen. (om)

 

Nachtrag:

In seiner Buchbesprechung hält der "Bund"-Literaturkritiker Charles Linsmayer fest: 

Hätte Niklaus Meienberg die Dokumente gekannt, die Alexis Schwarzenbach zur Verfügung standen, sein Buch wäre nicht eine journalistische, sondern eine politische Bombe gewesen. Anders als der Historiker Schwarzenbach, der die Fakten so getreulich wie ausführlich aneinander reiht, hätte Meienberg zweifellos aus all dem seine Schlüsse gezogen, und die hätten z. B. lauten können, dass die Willes, wäre ihnen «plein pouvoir» gewährt worden, die Schweiz sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg so nahe an Deutschland herangeführt hätten, dass ein Hineingerissenwerden in den Strudel des Untergangs am Ende kaum mehr zu vermeiden gewesen wäre. (Der Bund, 22.12.04)

 

Literatur:

Alexis Schwarzenbach: Die Geborene. Renée Schwarzenbach-Wille und ihre Familie. Zürich 2004.
Niklaus Meienberg: Die Welt als Wille & Wahn. Zürich 1987.