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...historische Eventualitäten.

 

"Wäre die Bastille in Bern gestanden / Sie hätten zuerst den Denkmalschutz gefragt"

 

Aus: Les mots, in: Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge. Poesie 1966 - 1981. Zürich 1981. S. 85.

 

 

 

 


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...Christoph Blocher.

 

Am Tag nach der Katastrophe – das Daviscup-Finale hatte die Schweiz gegen die USA 1:3 verloren, und die Nein-Sager hatten die EWR-Abstimmung mit einem Vorsprung von 23 105 Stimmen gewonnen – fand im Ballsaal des Hotels Ramada-Renaissance, welches wunderbar zwischen anderen Betonklötzen unweit des Zürcher Flughafens liegt, eine gut besuchte Trauerfeier statt. (…)

Leider fehlte der Mann, welcher den Graben zwischen den Landesteilen so fleissig vertieft und den Kreuzzug gegen die Entschweizerung der Schweiz angeführt hatte: Christoph Blocher, Besitzer der Ems-Chemie, Nationalrat, Multimillionär, hochbegabter Demagoge, Chauvinist und Destillationsapparat der Überfremdungsängste. Der war vor der Abstimmung ruhelos durchs Land gezischt, die Säle füllend und seine Gegner in den Boden stampfend, manchmal von Fackelzügen begrüsst und von Militärmusik beschallt. (…)

Die Angst vor Deutschland wird nirgends so gepflegt wie im Milieu des Chauvinisten Christoph Blocher und seiner Konsorten, obwohl ihre Fremdenfeindlichkeit der neudeutschen Variante aufs Haar gleicht. Das merken sie aber leider nicht. Dem Rattenfänger Blocher, einem Verehrer von Gottfried Keller, ist auch entgangen, dass ausgerechnet dieser vielgerühmte Nationaldichter die Schweiz gern in Deutschland hätte aufgehen lassen, wäre da nicht ein kleines Hindernis gewesen: die monarchische Staatsform. (…)

Blochers Ideal ist anscheinend die Kleinschweiz, reinrassig alemannisch, während die Welschen gern in einem Mischstaat leben bleiben wollen und die Zukunftsvisionen Kellers ihnen widerwärtig sind: denn sie möchten nicht im zentralistischen Frankreich gegängelt werden. Blocher hat, es war ein Lapsus und deshalb die untergründige Wahrheit, im Fernsehen den Welschen erklärt, es sei bedauerlich, dass „les régions de France“ am 6. Dezember Ja zum Europäischen Wirtschaftsraum gesagt hätten. Er machte dann, als die welschen Gesprächsteilnehmer heftig die Köpfe schüttelten, eine verächtliche Handbewegung, eine Art Ohrfeige oder Ausmerzgeste – „euch gibt es gar nicht mehr“.

 

Aus: Schweizer Komödienstadel. Niklaus Meienberg über das eidgenössische Nein zur Europa-Integration. In: Der Spiegel, 14.12.1992. S.166.

 

 

 

 


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...Meienberg (im Januar 1976).

 

Geb. 1940 und aufgewachsen in St. Gallen, verschiedene Beschulungen mehr klassischer Art, dann nach der sogenannten Matura ein Jahr Amerika: Arbeit auf Bauplätzen und Büros. Dann Zeitgeschichte an Universitäten der Schweiz und auf dem Pflaster von Paris, 1968-1970. Dann ziemlich regelmässige Mitarbeit beim "Tages-Anzeiger-Magazin". Beiträge fürs Deutsche Fernsehen (Pariser Studio des ZDF). Auch drei kleinere Filme in Zusammenarbeit mit Villi Herman fürs Schweizer Fernsehen. Einige Sachen fürs Radio gemacht. Mitarbeiter bei Alexander Seilers Film "Die Früchte ihrer Arbeit" (wird nächstens erscheinen). Ein Buch bei Luchterhand, 1975: "Reportagen aus der Schweiz". Im Frühling wird, auch bei Luchterhand, herauskommen: "Das Schmettern des Gallischen Hahns. Reportagen aus Frankreich seit 1968". Lebt halb in Paris und halb in der Schweiz. Einige Aufmunterungspreislein erhalten: von der Schiller-Stiftung und von der Stadt Zürich (Fr. 3000.- und 4000.-).

 

Aus: Arbeitsgruppe für Film und Information (Hrsg.): Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S. Ein Film von Richard Dindo & Niklaus Meienberg. Kritisches Filmmagazin, Heft 3, Januar 1976. S. 59.

 

 

 


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...Papst Johannes Paul II.

 

(...)

Pfingstdienstag, 22.20, Fribourg. Der Papst ist in dieser bemerkenswerten Stadt angesagt; hat vermutlich von ihrer Schönheit gehört. (...)

Um 22.25 Uhr ist er im Salonwagen angekommen, auf Perron I. Vom frei zugänglichen Perron 2 aus, wo sich im Moment der Ankunft keine Polizei befand, hätte man ohne Schwierigkeit ein Attentat unternehmen können, um so mehr, als die ganze Bahnhofbeleuchtung gerade rechtzeitig aussetzte. Welche Schande für Fribourg wäre das gewesen: ein toter Papst auf Perron I. Die Regierung des Kts. Fribourg, die ihn begrüsst hatte, wird begrüsst. der Papst spricht ein leidliches Franzesisch mit einem hart rollenden r, auch sein Deutsch ist passabel, er pflegt auf polnische Art das ö durch ein e zu ersetzen: Erlese uns von dem Besen. (...)

09.30 Uhr sodann Fahrt im Papamobil zur Universität. Das Papamobil ist ein umgebauter Rangerover, den hinteren Teil bildet so etwas wie ein senkrecht stehender, gläserner Sarg oder Reliquienschrein, wohinein der Papst sich nun begibt, damit er, als eine Statue, dem Volk vorgeführt werden kann, hinter schusssicherem Glas. Zwei Seitenfenster stehen offen, damit er winken kann. Neben dem Papst stehen links und rechts zwei Prälaten, die auch ins Volk hinaus winken, obwohl ihnen niemand gewunken hat. So geht es nun hinauf zur Universität, unter begeisterten Vivats und Acclamationen des Volkes. Das Papamobil ermöglicht eine optimale Zurschaustellung des Nachfolgers Christi. Der Papst besetzt sein Territorium, der ist hier ganz zu Hause, mehr als im heidnischen Rom. Wie kleidsam doch seine weisse Soutane mit dem papstwappenverzierten Zingulum wirkt. So freundlich, ein angenehmer Kopf, und schöne Bewegungen macht er mit seinen Händen, gleich wird er eine Handvoll Bonbons aus den Fenstern werfen (sogenannte Feuersteine). (...)

Aber physisch ist der Papst recht gmögig. Man kann nicht sagen, dass er unsympathisch wäre. Sein Lächeln ist nicht schlecht. Es ist kein gemogeltes Furgler-Lächeln. Man glaubt ihm sogar, dass er glaubt. Sonst wäre er längst umgekippt bei den Anstrengungen. (...)

Dann wieder Papamobil. Aus dem Schlosspark des Barons de Graffenried sieht man es nahen. Die Reise von der Aristokratie zum einfachen Volk. Ben Hur, jetzt voll motorisiert und religiös, nur etwas langsam. Er fährt ein Oval durch die Menge. Was geht in diesem Papstkopf vor, dem proletarischen Kopf, wenn ihn 20 000 bejubeln? Ist ja eigentlich nicht sehr christlich. Offensichtlicher Personenkult. Sie möchten ihn berühren, den Magier, den grossen weissen Vater Baghwan. Ein Halbgott fährt vorbei (un ange passe). Imperator Rex, Pontifex. (...)

Nach reiflicher Meditation ist der Reporter zur Überzeugung gekommen, dass es sich bei der weissen Person, welche sich, magneten- und kometengleich, vom 12. bis 17. Juni 1984 durch die Schweiz bewegte, nicht um das Original handeln konnte. Da der Papst bekanntlich keinen Pass besitzt, konnten auch die Personalien in Kloten nicht überprüft werden, - das weisse Gewand und eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Original genügten, um ihm Zutritt in das Land und die Herzen zu verschaffen. Tatsächlich ist nicht anzunehmen, dass ein Vierundsechzigjähriger, von Attentatsfolgen schwer angeschlagener Mann auch nur den Stress des Fribourger-Aufenthalts ohne Kollaps überlebt hätte. Der Vatikan hat denn auch wirklich einen Stuntman geschickt, der seine Sache sehr glaubwürdig machte, für einen Tagessatz von Dollar 3000,- und die Gewährung eines prophylaktischen Vollkommenen Ablasses. der wirkliche Papst hat unterdessen in Castel-Gandolfo, seiner Sommerresidenz, der Schwimmkunst gefrönt und abends die Eurovisions-Sendungen aus der Schweiz goutiert.

 

Aus: Niklaus Meienberg: O wê, der babest ist ze junc. Hilf, herre, diner Kristenheit. Eine übernatürliche Reportage, oder noch ein Beitrag zur Realismusdebatte, in: Heimsuchungen. Ein ausschweifendes Lesebuch. Zürich 1986. S. 195-211.

 

 


 

Die Rubrik "Meienberg über..." legt Äusserungen Meienbergs zu einschlägigen Themen vor. Sie wird in unregelmässigen Abständen aktualisiert.

 


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