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Meienberg über...
 ...die bestürzende, gewaltsame, abrupte Lust des Motorradfahrens.

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"Nach Süden nun sich lenken die Vöglein allzumal. Viel Wandrer lustig schwenken die Hüt' im Morgenstrahl."
Die Sturzhelme sitzen gäbig auf den Köpfchen. Was hat denn die Obrigkeit befohlen im Sihlwald? Maximum 80, an vielen Stellen sogar 60. Das ist nicht gerade rücksichtsvoll und individuell gedacht, eine Vespa mit 80 ist, wenn noch ein bisschen Wind aufkommt, kein sicheres Gefährt mehr, während ein schwerer Tausender-Vierzylinder, dank tiefem Schwerpunkt, auch mit 180 noch ganz sicher auf der Strasse liegt. Mehr Freiheit, weniger Staat. Einen kenne ich, diesen in Zürich lebenden Deutschen, der fährt die gleiche Marke wie ich, welche für den Gebrauch in der Schweiz nur im gedrosselten Zustand geliefert wird, bei 6500 Umdrehungen setzt die Zündung aus, man kommt also höchstens auf 190 im Fünften. Nun hat sich dieser Nimmersatt und Schletzerich den Geschwindigkeitsbeschränker ausbauen lassen - in Deutschland darf man uneschränkt fahren! - und kann jetzt bis auf 220 beschleunigen, mit Verschalung sogar noch fünf Stundenkilometer mehr. Gerd, dir piepst es wohl.
Das Motorrad - Töff kann man diese leise summenden, manchmal brausenden, aber sicher nicht knatternden, elektronisierten Maschinen nicht mehr nennen, der lautmalerische Ausdruck kommt aus einer anderen Zeit -, das Motorrad tuckert oder töfft nicht durch den Sihlwald, es summt. Es ist ein manisch-depressives Gefährt. Bei gutem Wetter, jedenfalls solange noch kein Wasser im Spiel ist, versetzt es den Fahrer in Stimmungen, die ihm ein sanftes Abheben vom Asphalt suggerieren. Sobald es regnet oder auch nur tröpflet - die Sicht wird schlecht, Scheibenwischer gibt es am Helm nicht, die Pneus drohen in den Kurven auszuschlipfen -, ist Schluss mit dem Richard-Löwenherz-Gefühl, man wird vorsichtig wie ein Bundesrat bei einem Interview.
(...)
Aus: Weh unser guter Kaspar ist tot. Plädoyers u. dgl. Zürich: Limmat 1991. S. 43f. Sowie: Heimsuchungen. Ein ausschweifendes Lesebuch. Zürich: Diogenes 1986. S. 293f. 
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