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"Und so reut's mich, dass ich damals nicht die Strasse wechselte"

Von Res Strehle*
Niklaus, ich erinnere mich häufig, wie ich Dich zum letzten Mal gesehen habe. Das muss ein paar Wochen vor Deinem Tod gewesen sein. Ich lief vom Zürcher Bahnhof Stadelhofen hoch gegen den Kreuzplatz. Ich seh Dich heute noch vor mir, oft, wenn ich diesen Weg gehe. Du liefst auf der entgegengesetzte Seite runter, dazwischen zwei Tramschienen und eine Fahrbahn. Du hast mich nicht gesehen, sahst blass aus mit wirrem Haar und warst in düsteren Gedanken. Ich habe Dich nicht gerufen, fürchtete über den Golfkrieg oder ähnliches diskutieren zu müssen und nicht mehr nachvollziehen zu können, was Du meinst. Und da war dieser Bruch zwischen uns seit Jahren, nur notdürftig gekittet durch ein längeres Gespräch, das wir für ein Buch aufgezeichnet haben und das ich nie transkribiert habe, weil es zu persönlich war. Im nachhinein muss ich sagen, dass Du mindestens zur Hälfte recht hattest. Zur andern Hälfte hast Du Dich getäuscht und in diesen Meinungsunterschieden konntest Du sehr verletzend sein, auch persönlich. Ich habs nicht ertragen und irgendwann war der Ofen aus. Inzwischen höre ich, dass Du es mit allen Freunden so hieltest und dass mit denen, die es ertrugen, auf die Verletzung stets die Versöhnung folgte. Und so reut's mich, dass ich damals nicht die Strasse wechselte und Dir die Hand reichte. Wenns sein musste, nur bis zum nächsten Krach.
* Res Strehle, 52, ist Chefredaktor des "Magazins" (Tages-Anzeiger) und wohnt in Zürich.

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