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Ein stiller Nachmittag

Von Peter Bichsel

 

(...) Ich erinnere mich an einen ruhigen, stillen Sonntag in meinem Arbeitszimmer. Ich war am Lesen, genoss es, von niemandem gestört zu werden. Da rief Meienberg an - wie immer in seiner aufgeregten Art - und sagte, er sei in Solothurn, sitze in einer Beiz und wolle mich sehen. Der schöne Sonntag war kaputt. Ich wusste, er würde mit mir heftig diskutieren, über Kollegen schimpfen, mich beschimpfen. Doch es wurde ein wunderschöner Nachmittag und ein stiller, und Niklaus erzählte. Getrübt wurde er nur durch meine lauernde Haltung: "Wann kommt es? Warum ist er so freundlich?" Wir gingen nach einigen Stunden zu seinem Auto, er öffnete den Kofferraum, entnahm ihm sein eben erschienenes Buch "Wille und Wahn" und überreichte es mir. Ich ging zurück in mein Arbeitszimmer, begann zu lesen und konnte nicht mehr aufhören. Ich war begeistert, ein hervorragendes Buch. Das war es, was ihn so angenehm machte an diesem Tag: Er wusste, dass er ein gutes Buch geschrieben hatte. Und für mich blieb nur ein ganz kleiner Ärger zurück, der Ärger darüber, dass ich mich freuen musste, dass er mich nicht beschimpft hatte. (...)

 

Aus: Peter Bichsel: Kolumnen, Kolumnen. Frankfurt am Main 2005. Seite 489. (Originaltitel: "Von der Streitkultur")