|
Erinnerungen an Niklaus Meienberg
 Ein echter Satiriker

Von Hermann Schlapp*
Als Mitschüler an der Klosterschule Disentis war Niklaus Meienberg für mich ein grüblerischer, etwas verklemmter, verschrobener St. Galler. Das alles sprach gegen ihn. Zwar kreuzten sich unsere Wege täglich, doch weil wir nicht in der selben Klasse waren, suchten wir uns nicht. Wenn in jungen Jahren, in denen die Toleranzbereitschaft oft gering ist, derart entge-gengesetzte Charaktere aufeinander stossen, dann ist das Urteil rasch gemacht: Meienberg war in meinen Augen ein hochgradiger Spinner, von Komplexen geplagt und von einem krankhaften Widerspruchsgeist besessen.
Später begegneten wir uns immer wieder. Ich las auch einige seiner Bücher und bewunderte seine Sprachgewalt. So hätte ich schreiben wollen - wenigstens, was die Sprache betraf. Über den Inhalt allerdings habe ich mich dort, wo ich die Dinge selber ebenfalls kannte, gelegentlich masslos aufgeregt. Meinenbergs Texte waren für mich nicht selten übertrieben, un-gerecht, bösartig und zerstörend. "Ich möchte so schreiben können wie du, wenn nur der Inhalt deiner Texte weniger pubertär wäre", sagte ich ihm einmal voller Wut über eine seiner Veröffentlichungen. Den Satz hat mir Niklaus nie verziehen. Im Einstecken von Kritik war er so mimosenhaft, wie er im Austeilen stark war.
Erst später ist mir bewusst geworden, dass Niklaus Meienberg ein echter Satiriker war. Der Satiriker misst die Realität am Ideal, dem sie allerdings nie zu genügen vermag. Also bäumt er sich gegen die Unvollkommenheit auf. Er übertreibt, beisst, schlägt zu, zerstört, ist un-gerecht und gemein - weil er durch und durch ein Idealist ist. Das war Meienberg. An seiner Kompromisslosigkeit ist er schliesslich selbst zugrunde gegangen. Er selbst konnte seinen hohen Ansprüchen letztlich nicht mehr genügen. So musste er sich - verlassen und enttäuscht von etlichen Freunden - selbst zerstören. Meienberg ist an sich selbst verzweifelt, so wie er an der Welt verzweifelt ist.
Das macht diesen ausserordentlichen Menschen zu einer durch und durch tragischen Figur.
* War von 1970-77 Bonner Korrespondent für das Schweizer Radio (DRS) und verschiedene Tageszeitungen. Trat 1977 in das Schweizer Fernsehen ein, wo er 1980 zum Chef der Tagesschau gewählt wurde. Ende 1982 übernahm er die Chefredaktion der Tageszeitung "Vaterland" in Luzern. Heute arbeitet er als freier Journalist und Dozent am Institut für Journalistik der Universität Fribourg.

|
|
|