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Erinnerungen an Niklaus Meienberg

Von Alois Riklin*
Im Juli 1993, nach dem schweren Motorradunfall in Frankreich, weilte Niklaus Meienberg zur Kur in Breganzona. Er rief mich an und wünschte meinen Besuch. Ich empfand es als Hilferuf. Anderntags holte ich ihn in Breganzona ab und führte ihn nach Carona. Wir durchstreiften das Dorf und wanderten durch den Kastanienwald zur Kapelle S. Maria d’Ongero. Niklaus Meieberg interessierte sich brennend für die Geschichte der autonomen Republik des Spätmittelalters und die europaweit berühmten Caroneser Architekten vergangener Zeiten. Er bewunderte jedes Detail, das Renaissance-Rathaus, die eidgenössischen Wappen im Vorhof, das Michelangelo nachempfundene Jüngste Gericht in der Pfarrkirche S. Giorgio, die blumengeschmückten Paläste, den geschwungenen, schmiedeisernen kleinen Balkon, ganz besonders die barocke Wallfahrtskirche mitten im Walde. Ja, das Barocke berührte ihn am stärksten, Erinnerungen an die Pfarrkirche St. Finden, die Kathedrale von St. Gallen und de Klosterkirche von Disentis! Niklaus Meienberg war ein Mensch der extremen Gegensätze. Er empörte sich masslos über die Hässlichkeiten, Verlogenheiten und Heucheleien dieser Welt; zugleich war er voll sensibler Aufnahmebereitschaft für alles, was er als schön und gut empfand. Er lebte in einem ständigen Wechselbad von Extravertiertheit und Introvertiertheit, Aggressivität und Melancholie, Ausgelassenheit und Traurigkeit, Zynismus und Zuneigung. Er wusste um seine zwei Naturen. In der Ansprache anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Stadt St. Gallen bekannte er sich öffentlich dazu. Wenige dürften ihn wohl verstanden haben. Rücksichtslos verletzte und beleidigte er andere; aber er selbst war äusserst verletzbar. Als Schriftsteller, Historiker, Recherchierer und Reporter pflegte er die erste Natur; die literarische Umsetzung seiner zweiten Natur ist ihm nicht gelungen. Das wusste er. Das plagte ihn in den letzten Jahren und Monaten seines Lebens. In der seelischen Not während der Irakkrise erlebte ich hautnah die Gespaltenheit seiner Doppelnatur. Vor dem Fernseher kommentierte er die Nachrichten lautstark in wilden vulkanartigen Eruptionen; aber handkehrum bestaunte er das illustrierte Titelblatt der Erstausgabe von Montesquieus De l’esprit des lois und lauschte in andächtiger Stille, als meine Frau im oberen Stock eine Partita von Johann Sebastian Bach spielte. Nach der Irakkrise war er so fröhlich und gelöst wie selten. Aufgeräumt empfing er uns vor dem Schloss Hagenwil, zeigte uns die Gänse am Rande des Schlossweihers und verglich sie mit bekannten Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Und tatsächlich, wir erkannten plötzlich in der Gänseschar einzelne Kreaturen, die verblüffend der „Tante“ X und der „Pflutschguge“ Y glichen. Beim Diner im Schloss stellte ihn seine Mutter wegen irgendeiner unangebrachten Bosheit zur Rede. Darauf der Sohn: „Mueter, hüt tüemer nöd stritte.“ Der ergreifendste Text Meienbergs überhaupt, finde ich, ist der Nekrolog auf seine Mutter. In der physischen und psychischen Not in Carona hatte er die erste Natur völlig abgestreift. So mild, aggressionsfrei und anteilnehmend hatte ich ihn sonst nie erlebt. Anderntags, das fand ich geradezu rührend, zumal er das früher nie gemacht hätte, rief er mich an und erkundigte sich, ob ich gut nach Hause gekommen sei.
* Alois Riklin ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen. 
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